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Presseartikel
zu KomBi




Presseartikel zu KomBi

"Ihr seid ja ganz normal"

KomBi - Kommunikation und Bildung
Akzeptanz ist das Ziel

Berliner Morgenpost
Lokalanzeiger Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Pankow
Donnerstag, 15. März 2001

"Ihr seid ja ganz normal"
"KomBi" klärt seit 20 Jahren über homosexuelle Lebensweisen auf

Tiergarten - Lesben sind hässlich, haben keinen abgekriegt und hassen Männer. Schwule sind tuntig, haben oft ne hohe Stimme und tragen enge Lederklamotten. Das sind nur einige der vielen Vor-Urteile und Diskrimminierungen, mit denen Anne Thiemann und Markus Wickert bei ihrer Jugendarbeit ständig konfrontiert werden. Die 36-jährige Sozialpädagogin und der 31-jährige Erzieher sind zwei der vier Referenten des Zentrums "Kommunikation und Bildung", kurz KomBi, einer vom Senat geförderten und in Deutschland beispiellosen Institution der Jugend- und auch Erwachsenenbildung.

In Räumen des Bezirksamts, an der Kluckstraße 11, klären die beiden Pädagogen in Schulklassen und Jugendgruppen über lesbische und schwule Lebensweisen auf. Eine Arbeit, die auch heute, genau 20 Jahre nach Gründung des KomBi-Trägervereins "Kommunikations- und Beratungszentrum für homosexuelle Frauen und Männer", kurz KBZ, nach wie vor bitter nötig ist.

Denn trotz scheinbarer Akzeptanz bekannter Schwuler wie dem Volkssänger Patrick Lindner oder Lesben wie der TV-Kommissarin Ulrike Folkerts, werden Homosexuelle ohne Promibonus nach wie vor diskrimminiert, gehören Schimpfwörter wie "schwule Sau" oder "frustrierte Lesbe" zum alltäglichen Vokabular vieler Jugendlicher, sind Homosexuelle Opfer gewalttätiger Übergriffe.

Die Schülerinnen und Schüler, die an den zwei- bis dreistündigen Gesprächsrunden bei KomBi teilnehmen, kommen ohne Lehrer in das Zentrum. "Hier treffen sie Erwachsene, mit denen sie über alles offen reden können. Dabei ist vor allem der persönliche Kontakt mit uns als Lesben und Schwulen wichtig," sagt Markus Wickert. Denn eine wesentliche Intention der Arbeit von KomBi ist u.a. auch das Sichtbarmachen homosexueller Lebensformen als eine von verschiedenen und gleichwertige Möglichkeit.

Vorbehalte gegenüber Lesben und Schwulen beruhen häufig auf Unkenntnis und damit verbundenen Ängsten vor dem Unbekannten, dem Anderssein. Meist müssen Anne Thiemann und Markus Wickert deshalb auch erstmal grundsätzliche Begriffe wie Hetero-, Homo- und Bisexualität klären. "Es gibt viele Kinder, die kommen aus Familien, in denen darüber noch darüber noch nie gesprochen wurde", sagt Anne Thiemann. Nach einem Spiel, bei dem die Kids teilweise selbst Ausgrenzungserfahrungen machen und dadurch nachvollziehen können, wie es ist, eine Außenseiterrolle zugewiesen zu bekommen, stellen sich die Referenten den Fragen der Jugendlichen.

Sie wollen meistens wissen, was und wie ein Coming-out ist, wie sich Schwule fühlen oder wie Lesben leben. "Wenn sie dann hören, dass wir beispielsweise die gleichen Hobbys haben wie sie und ähnlich leben, sind sie manchmal richtig irritiert", meint Anne Thiemann.

Aber die Abschlussrunden der Treffen zeigen häufig, dass die Irritationen fruchten. "Da kommen dann oft so Bemerkungen wie 'Mensch, ihr seid ja nett und ganz normal.'" Neben der Arbeit mit Jugendlichen hat sich KomBi auch in der Erwachsenenbildung einen Namen gemacht. Sozialpädagoge Thomas Kugler und seine Kollegin Stephanie Nordt schulen so genannte Multiplikatoren, auf Deutsch: pädagogische Fachkräfte. Ob Lehrerinnen oder katholische Lebensberater - die Anfragen nach Seminaren bei KomBi kommen aus allen Bereichen der Erwachsenenbildung.

Und auch dort gibt es, wie Sozialpädagoge Thomas Kugler aus seiner inzwischen achtjährigen Erfahrung bei KomBi weiß, "noch immer viele Vorbehalte und Scheintoleranz. Homosexualität ist in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht erwünscht." Grund genug für KomBi, weiter zu machen.

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Kabi-Online, ausgabe: Nr. 53/ 18.04.2001

KomBi - Kommunikation und Bildung
Akzeptanz ist das Ziel

Berlin (ger) - Die Unruhe am Anfang ist spürbar. Zwei Dutzend Jugendliche, Mädchen und Jungen, der 9. Klasse eines Berliner Gymnasiums haben sich im Tagungsraum von "KomBi", der Bildungseinrichtung "Kommunikation und Bildung" eingefunden. Ihr Thema im Rahmen einer Projektwoche ist Homosexualität. "Du schwule Sau" oder "Du alte Lesbe" sind ihnen alltäglich vertraute Beschimpfungen. Oft so dahingesagt und ohne nähere Kenntnisse. Das soll nun anders werden und darum sind sie hier. Eine Stimmung voller Neugier, aber auch gehemmter Unsicherheit liegt über dem Raum.

Es gebe keine Tabus, ermuntern die Jugendreferenten Markus Wickert und Anne Thiemann die Schülerinnen und Schüler gleich zum Einstieg. "Ihr könnt alles fragen!" Getuschel unter den Schülerinnen und Schülern Die Vorstellungsrunde, bei der die Jugendlichen neben ihrem Namen und Alter auch erzählen, ob sie Lesben oder Schwule kennen, verläuft noch zurückhaltend. Dann kommt die Frage, auf die eigentlich alle gewartet haben: "Sind Sie auch schwul? Sind Sie selbst lesbisch?" Gebannte Blicke auf Markus Wickert und Anne Thiemann. Beide beantworten die Frage mit größter Selbstverständlichkeit zustimmend.

Die Frage und mehr noch die Antwort brechen das Eis. Markus Wickert und Anne Thiemann kennen dies auch schon aus den zahlreichen anderen Aufklärungs- und Informationsveranstaltungen mit Kindern und Jugendlichen. Das persönliche und zugleich völlig unspektakuläre Bekenntnis nimmt dem Thema seinen vermeintlichen Mythos von "da spricht man nicht drüber", der erst das Umfeld schafft für diese Mischung aus verklemmter Befangenheit und Vorurteilen.

Die nächsten 90 Minuten werden die Schülerinnen und Schüler intensiv nutzen, sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe auseinander zusetzen. Markus Wickert und Anne Thiemann erläutern erst einmal unklare Begriffe wie homo-, hetero- und bisexuell. Dann stellen sie sich den nicht abreißenden Fragen der Schülerinnen und Schüler und erzählen dabei vor allem von sich - nicht privat, aber doch sehr persönlich: "Wie war dein Coming-Out?" wollen die Schüler wissen oder "Wie haben deine Eltern reagiert, als sie´s erfahren haben?". Immer wieder geht es auch um die Rollenbilder von Mann und Frau. Nicht nur in schwulen und lesbischen Beziehungen, sondern in der Gesellschaft überhaupt.

Der persönliche Rahmen ist für Anne Thiemann entscheidend dafür, dass die Stunde gelingt.
Die große Chance dieser Veranstaltung liegt für sie darin, dass die Referentinnen und Referenten "authentisch ansprechbar sind". Reden mit, nicht über Schwule und Lesben. Dabei müsse jedoch immer deutlich werden, dass die Schilderung einer lesbischen oder schwulen Biographie nicht automatisch Rückschlüsse auf die Lebensgestaltung aller Lesben und Schwulen zulasse, gibt Markus Wickert zu Bedenken.

Von der Schulbehörde empfohlen

In diesem Jahr feiert KomBi seinen zwanzigsten Geburtstag. Der Verein begann als ein Selbsthilfeangebot der Szene für die Szene in einer Zeit "manifester gesellschaftlicher Diskriminierung", erinnert sich Thomas Kugler, Diplom-Sozialpädagoge und Referent für Erwachsenenbildung bei KomBi. Mittlerweile ist die Einrichtung in Berlin zu einem öffentlich anerkannten Bildungsangebot geworden, das auf eine enge Kooperationen mit dem bei der Stadt zuständigen Fachbereich in der Jugendverwaltung setzen kann. Auch das Landesschulamt hat die Arbeit der Einrichtung 1998 per Rundschreiben an alle Berliner Schulen empfohlen.

In der Erwachsenenbildung liegt neben der Aufklärungs- und Informationsarbeit für Kinder- und Jugendliche ein weiterer Schwerpunkt des Angebots von KomBi. Die Bildungseinrichtung "KomBi" veranstaltet regelmäßig Fortbildungen individuell zugeschnitten für pädagogische Fachkräfte aus Schule und dem Freizeitbereich. Sie dauern von drei Stunden bis zu drei Tagen. In diesen Seminaren geht es darum, eine "Sensibilisierung für die Situation homosexueller Menschen in einer homophob strukturierten Gesellschaft zu entwickeln und gemeinsam Wege zu erarbeiten, wie sich das Thema `gleichgeschlechtliche Lebensweisen´ in die berufliche Praxis integrieren lässt", erläutert Thomas Kugler.

Das Motto lautet: "Vielfalt bereichert"

"Unser Motto lautet: Vielfalt bereichert", ergänzt Stephanie Nordt, die gemeinsam mit Thomas Kugler den Bereich Erwachsenenbildung und Lehrerfortbildung betreut. "Schwul- und Lesbisch-Sein gehören zu unserer Gesellschaft natürlich dazu", sagt sie. Wer diese Vielfalt erkenne, spüre erst die Bereicherung. Als erste Ziele ihrer Arbeit nennt sie deshalb "Antidiskriminierung" und "Gewaltprävention". Beides nämlich könne erreicht werden, "wenn wir den Blick Jugendlicher wie Erwachsener für die unterschiedlichen Ausgrenzungsmechanismen gegenüber Homosexuellen schärfen und es schaffen, einen positiven Begriff der Vielfalt zu vermitteln".

Sexuelle Orientierung sei ein wichtiges Thema für die Jugendhilfe, betonen beide immer wieder. Auch wenn sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel geändert habe, seien in weiten Teilen der Gesellschaft immer noch "Ohnmacht und Unsichtbarkeit" die "deutlichsten" Kennzeichen für lesbische und schwule Jugendliche. Daher ist es für Stephanie Nordt auch nicht überraschend, dass eine Studie zur psychosozialen Situation junger Lesben, Schwuler und Bisexueller in Berlin ein deutlich höheres Suizidverhalten dieser Gruppe im Vergleich zu Jugendlichen insgesamt belegt. Die klassischen Sozialisationsinstanzen Familie, Schule, Jugendarbeit seien erst am Anfang, die spezifische Situation von Schwulen und Lesben wahrzunehmen. Von echter Akzeptanz könne vielerorts ohnehin noch keine Rede sein, so Stephanie Nordt.

Dass dies anders wird, dazu möchte die Bildungseinrichtung "KomBi" ihren Beitrag leisten. Sie hat deshalb ihre Erfahrungen dokumentiert und bietet Interessierten für einige Mark sowohl eine Broschüre und Einführung in die Aufklärungs- und Bildungsarbeit mit Jugendlichen zum Thema "Gleichgeschlechtliche Lebensweisen (Titel: "Was ist schlimmer lesbisch oder schwul zu sein?"), eine deutsch-türkische Jungenbroschüre ("Mehr als Freunde - Arkadastanda ileri") sowie ein Veranstaltungskonzept und Erfahrungsbericht über Aufklärungsarbeit mit Multiplikatoren (Titel: "Warum?! Na und?! Na klar!) an.

Letzter Titel ist zugleich Programm: "Warum?! - Na und ?! - Na klar!" lautet die Kurzformel aller Bildungsveranstaltungen bei KomBi: Am Anfang steht immer erst einmal die bewusste Wahrnehmung von Homosexualität und die aktive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Vorurteilen anhand selbstreflektiver Wahrnehmungsübungen. Dabei erweist sich laut Thomas Kugler das "Selbstkonzept von Toleranz, das viele Heterosexuelle verinnerlicht hätten, oft als Scheintoleranz nach dem Motto "Das geht mich alles nichts an".

Doch nur wer sich mit den eigenen Bildern von Schwulen und Lesben wirklich auseinandersetze und sie mit dem "Na und?!" hinterfrage, könne diese "Scheintoleranz" hinter sich lassen, bekräftigt Thomas Kugler. Denn die entscheidenden Lerneffekte bei einem KomBi-Seminar vollzögen sich immer auf der Ebene der Selbstreflexion, nicht auf der der Wissensvermittlung. Und sich auf die "Vielfalt gelebter Lebensformen einzulassen, bedeute natürlich auch Akzeptanz von Schwul- und Lesbisch-Sein im eigenen Lebensumfeld - eben "na klar!"

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SIEGESSÄULE 03/2001

Da werden Sie geholfen

Vor 20 Jahren wurde das, Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer" gegründet. Aus dem wichtigen Pilotprojekt entstanden im Laufe bewegter Zeiten die Schwulenberatung, die Lesbenberatung und das Bildungsprojekt KomBi, alle bis heute unverzichtbare Bestandteile der Szene.

Kann sich das noch jemand vorstellen: ein Berliner CSD, bei dem nur 400 Leute mitmarschieren? Anstatt Partys einmal im Jahr ein bundesweites Treffen von engagierten Homos, genannt Homolulu? Soaps, in denen weder Schwule noch Lesben vorkommen? Eine Welt ohne Talkshows mit so schönen Themen wie, Mein Kind ist homosexuell "Bin ich schwul?" oder, Hilfe, meine Mutter ist eine Lesbe"?

1979 konnte die homosexuelle Gemeinde von solchen TV-Highlights nicht einmal träumen. Denn gleichgeschlechtliche Liebe war noch ein Tabuthema und Homosexualität für viele, auch für viele "Betroffene", pervers, krankhaft oder eklig, auf jeden Fall aber behandlungsbedürftig. In diesen widrigen Zeiten kam es einer kleinen Revolution gleich, als die BVV - Kreuzberg im Dezember 1979 die Weichen für eines der wichtigsten Homoprojekte Berlins stellte: In Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen sollte eine Beratungsstelle für Homosexuelle geschaffen werden.

Aus dieser Idee hervorgegangen sind im Laufe einer bewegten Geschichte Urgesteine der Berliner Projektelandschaft: die Schwulen- und die Lesbenberatung sowie die Bildungseinrichtung KomBi (Kommunikation und Bildung), die nun alle ihren 20. Geburtstag feiern können. Das historische Datum: 9. März 1981. In der Hollmannstraße eröffnet das Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer" (KBZ). In einem ehemaligen Arbeiterheim überlässt das Bezirksamt Kreuzberg dem Verein neun Räume gegen eine Monatsmiete von 90 Mark. Schnell wird die Anlaufstelle für Schwule und Lesben zu einem Mittelpunkt der wachsenden Szene. In den ersten Jahren ist das Beratungszentrum die wichtigste Adresse, um an Informationen über das Homo-Leben in der Stadt zu kommen, sich in einer Coming-out-Gruppe über die neue Lebenssituation klar zu werden oder Hilfe bei persönlichen Problemen zu bekommen. Nur hier gibt es Freizeit- und Beratungsangebote von Lesben für Lesben, von Schwulen für Schwule. Von Anfang an gehört es zum Konzept, mit Aufklärungsarbeit über gleichgeschlechtliche Lebensweisen auch in die heterosexuelle Welt hineinzuwirken., Schließlich wollen wir uns nicht nur mit den Folgen der Diskriminierung beschäftigen, sondern auch ihre Ursachen bekämpfen," erklärt heute Stephanie Nordt von KomBi das Konzept von gestern wie von heute.

In den ersten Jahren beäugen die heterosexuellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etablierter Bildungseinrichtungen das, Kommunikations- und Beratungszentrum" noch mit Argwohn: 1984 streicht der Direktor der Volkshochschule Kreuzberg kurzfristig einen von KBZ- Leuten geleiteten Kurs über Geschlechterrollenverhalten mit der Begründung, die Dozierenden seien, befangen, da sie bereits an Kursen zu Iesbischen und schwulen Themen beteiligt sind". Die Jungs und Mädels aus der Hollmannstraße fordern daraufhin ein Antidiskriminierungsgesetz und geben so den Anstoß zu einer neuen Diskussion über Artikel 3 des Grundgesetzes - den Gleichheitsgrundsatz.

Doch trotz breitenwirksamer Arbeit droht bereits im November 1987 das Aus: Das Gebäude in der Hollmannstraße ist eins von drei Häusern, die abgerissen werden sollen, um einem Erweiterungsbau des Berlin-Museums (des heutigen Jüdischen Museums) Platz zu machen. Nach langer Suche helfen Anwohnerbeschwerden beim SchwuZ in der Kulmer Straße dem Kommunikations- und Beratungszentrum aus der Bredouille: Das SchwuZ zieht in ein reines Gewerbehaus in der Hasenheide, wo Partys niemanden um den Schlaf bringen können, und die frei werdenden Räumlichkeiten werden das Ersatzquartier für das Kommunikations- und Beratungszentrum. Für den Umbau vom Veranstaltungs- zum Kommunikationszentrum müssen die Berufshomos selbst Hand anlegen. Immerhin: Von der Klassenlotterie erhält der Trägerverein 200.000 Mark für das Einziehen der Wände und die Elektrik. Erstes Zeichen größerer gesellschaftlicher Akzeptanz? In jedem Fall bedeutet die neue Adresse einen sozialen Aufstieg: Vom maroden Abbruchhaus hat man es zu hellen und freundlichen Büros und Gruppenräumen gebracht.

Auch aus der zweiten ernsthaften Krise geht das Kommunikations- und Beratungszentrum gestärkt hervor: Im Januar 1993 plant die Senatorenkonferenz, sämtliche Gelder für die Lesben- und Schwulenberatung zu streichen. Drahtzieher im Hintergrund: Staatssekretär Orwat. Weil aus dem Gesundheitssenat die bevorstehende Abwicklung des KBZ rechtzeitig durchsickert, gelingt es, eine breit angelegte Kampagne mit dem Schlachtruf, Wehret den Anfängen!" zu starten. Ein H”hepunkt: Georgette Dees Protestkonzert unter dem Motto, Freiheit ist die Freiheit des anders Fühlenden". Der Aufruhr zeigt Wirkung. Im September desselben Jahres beschließt das Abgeordnetenhaus auf Antrag von SPD, Bündnis90/AL/UFV und .D.P., die Schwulen- und Lesbenberatung wieder in den Haushalt aufzunehmen.

Obwohl die gewonnene Schlacht Lesben und Schwule im Team wieder mehr zusammengeschweißt hat, streben die einzelnen Teile des Zentrums doch zunehmend auseinander. Mit dem Anstieg der Zuwendungen für den Aids- Bereich ist die paritätische Aufteilung der Gelder unmöglich geworden. Ein strukturelles Problem besteht zudem in den getrennten Sitzungen der Teams von Lesben- und Schwulenberatung. In dem für die Arbeit in der Öffentlichkeit zuständigen Team, wo Lesben und Schwule gemeinsam arbeiten, treffen die unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander. Lesbenberatung und Schwulenberatung lösen sich deshalb vom Trägerverein des Zentrums, der nun nur noch für die Bildungsarbeit zuständig ist und dafür das neue Projekt, Kommunikation und Bildung" ins Leben ruft. Mit dem Umzug der Schwulenberatung und des Aids-Beratungsprojekts, Kursiv" von der Kulmer Straße in die Charlottenburger Mommsenstraße folgt nach der organisatorischen auch die räumliche Trennung der Homoprojekte. Auf der Sozialprestigeskala scheint die Schwulenberatung mit dem großbürgerlichen Gebäude, das sie inzwischen auf zwei Etagen bezogen hat, zumindest topografisch am oberen Ende angekommen zu sein. Wer heute in die Schwulenberatung kommt, hat dagegen oft größere Sorgen als die Klienten von früher. Standen in den 80ern die Coming-out- Beratung und die Switchboardfunktion noch im Vordergrund, so nahm die psychosoziale Beratung im Lauf der Jahre eine immer wichtigere Rolle ein. 1986 kam die von, Kursiv e.V." betreute Aids-Arbeit als wichtiger Themenschwerpunkt hinzu. Für Schwule mit psychischen Problemen stehen zwei therapeutische Wohngemeinschaften zur Verfügung., Früher war die Schwulenberatung für viele Schwule die erste Anlaufstelle bei ihrem Coming-out, erinnert sich der ehemalige Geschäftsführer der Schwulenberatung, Christian Denzin., Wer heute in die Schwulenberatung kommt, hat daneben auch andere gewichtige Sorgen: mit HIV, mit Süchten, seelischer Gesundheit, Arbeit, Mobbing, rechtlichen oder materiellen Problemen oder auch einfach mit den Umgangsformen in der schwulen Subkultur." Suchten früher bei der Schwulenberatung Menschen Rat, die sich durch die gesellschaftliche Stigmatisierung der Homosexualität an sich ausgegrenzt fühlten, fällt durch den Erfolg der kommerziellen schwulen Subkultur dieses Problem in vielen Punkten weg. Wer heute in der Schwulenberatung Hilfe sucht, kommt eher mit der Marktsituation nicht zurecht, der man sich als Schwuler in der Szene aussetzen muss.

Im Zuge der Professionalisierung hat sich auch das Mitarbeiterorofil stark gewandelt. Während in der Gründungsphase lediglich zwei ausgebildete Sozialpädagogen mit dabei waren, finden sich heute unter den 35 bei der Schwulenberatung engagierten Leuten sechs Psychologen und fünf Sozialpädagogen, sodass man in fast allen erdenklichen Krisensituationen in der Mommsenstraße gut aufgehoben ist. Dass nur fünf der Mitarbeiter fest angestellt sind und die restlichen auf Honorarbasis arbeiten oder anderweitig finanziert werden, zeigt aber, dass die Politik bisher nicht daran interessiert war die Schwulenberatung langfristig institutionell abzusichern.

Ähnlich gestaltet sich die finanzielle Lage bei der Lesbenberatung, die sich von den Räumen in der Kulmer Straße bisher noch nicht trennen wollte. Von den zwölf Mitarbeiterinnen kann der Trägerverein nur fünf als feste Teilzeitstellen unterhalten. Sieben Sozialpädagoginnen, drei Psychologinnen und zwei Pädagoginnen kümmern sich hier um die Anliegen von gut 2000 Frauen, die die Beratungsstelle pro Jahr kontaktieren. Etwa ebenso viele wenden sich per Telefon an die Lesbenberatung.

Dass viele Tabuthemen jetzt präsenter sind als vor wenigen Jahren, verschaffe der Lesbenberatung die. Möglichkeit, Themen offensiver an die Öffentlichkeit zu bringen als früher, erklärt Martina Frenznick von der Lesbenberatung. Gewalt gegen Lesben, Tansidentität, Lesben und Kinderwunsch, lesbische Migratinnen und Lesben mit Behinderungen - das sich laut Frenznick wichtige neue Themengebiete. Auch bei der Lesbenberatung hat sich der Schwerpunkt der Arbeit auf das psychosoziale Angebot verlagert. Das hängt auch damit zusammen, dass von heterosexuellen psychosozialen Einrichtungen der Wert der Arbeit von Lesben- und Schwulenberatung inzwischen honoriert wird. Durch die Weiterführung des Angebots, Selbsthilfe - Beratung - Krisenintervention" des Projektes, Frauentraum' hilft die Lesbenberatung mittlerweile sogar auch heterosexueiien Frauen in Krisensituationen.

Seit Ende 1998 residiert KomBi, der dritte Spross des vor zwanzig Jahren gegründeten Kommunikations- und Beratungszentrums, in der Tiergartener Kluckstraße. Mit den drei Büro- und zwei Gruppenräumen haben die homosexuellen Pädagogen und Pädagoginnen, die sich in die nicht so kuschelige Heterowelt hinauswagen, endlich auch genügend Platz für ihre Arbeit. Zuvor war das Team nämlich in zwei Kämmerchen der SIEGESSÄULE zur Untermiete eingepfercht. Für die vier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gibt es anderthalb feste Stellen, die über das Senatsreferat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen finanziert werden, zwei weitere ermöglicht der Zweite Arbeitsmarkt.

Draußen in der Heterowelt über Homosexualität zu sprechen - das ist der Job der Leute von KomBi: Sie informieren in Schulklassen und bei Fortbildungsseminaren für pädagogische Fachkräfte über lesbische und schwule Lebenswelten. Dort merken sie täglich, wie wichtig Ihre Arbeit trotz der positiven Tendenzen der letzten Jahre immer noch ist. Gerade in Schulklassen stoßen sie noch häufig auf Ablehnung. Meistens müssen sie auch erst einmal die begrifflichen Grundlagen erklären. Beispielsweise, dass es sich bei, Heterosexualität' nicht um eine Perversion handelt, sondern um den wissenschaftlichen Ausdruck für das, was sie als, normal' bezeichnen. Defizitär formulierte Fragen wie:, Was ist schlimmer lesbisch oder schwul zu sein?' sind für viele Schüler immer noch die einzig legitime Art, sich nach Homosexualität zu erkundigen.

So viel die Folgeprojekte des, Kommunikations- und Beratungszentrums homosexueller Frauen und Männer' bewirkt haben - überflüssig sind sie noch lange nicht. Daran ändern offenkundig auch die vielen bunten Talkshows nichts. Die SIEGESSÄULE gratuliert der Schwulenberatung, der L.esbenberatung und KomBi aufs Herzlichste und wünscht alles Gute für die nächsten 20 Jahre! Reinhold Strohmayer

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